Datenschutz
Serie: Data Science (2/3)
Wissen

Daten, ihr Schutz und neue Chancen

Von Luzia Popp | 19.05.2021
Wenn Daten in grossen Mengen gesammelt werden, ergeben sich daraus neue Chancen. Für Firmen bedeutet das, aus diesen Daten zu lernen. Und zugleich: Die geeigneten Daten erheben und auswählen, sie sorgfältig analysieren und den Datenschutz einhalten.

Hier, in Teil zwei der dreiteiligen Serie zu Data Science sprechen wir mit Dozentin Prof. Dr. Barbara Hellriegel über die Herausforderungen, die das Fachgebiet mit sich bringt. Ausserdem: Wie Data Science in der Marktforschung eingesetzt wird.

Frau Hellriegel, wenn ich auf Facebook Werbung für meinen Lieblings-Sneaker sehe, steck dahinter ein Data Scientist?

Auf jeden Fall stecken ein Marketing-Team und ein Algorithmus dahinter.

Und was läuft schief, wenn ich Werbung bekomme, für die ich mich absolut nicht interessiere?

Glück gehabt, die kennen Sie noch nicht bis in die letzte Faser. Natürlich kann es praktisch sein, wenn Sie Empfehlungen bekommen, die auf Ihren Vorlieben basieren. Doch ich sehe das auch als eine Freiheitsbeschränkung.

Inwiefern?

Das ist doch langweilig, immer mehr des Gleichen, immer mehr des Bekannten.

Gute Daten? Schlechte Daten?

Daten, gewonnen aus unseren Suchverläufen, können auf der einen Seite verhindern, dass wir Werbung sehen, für die wir uns tatsächlich nicht interessieren. Andererseits wird uns tendenziell mehr vom Immergleichen angeboten, ständig die gleichen Marken und Artikel. Ein persönliches Beispiel dazu: Als Studentin habe ich in Buchhandlungen oft nach Mathematik-Büchern gesucht. Auf der einen Seite davon standen die Biologie-Bücher im Regal, auf der anderen Fachbücher der Physik. So stiess ich auf Themen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mich interessieren. Ist das nicht wunderbar?

Leichtfertiger Umgang

Wahre Goldgruben für Daten sind Social-Media-Plattformen. Hier teilen Menschen freiwillig und grosszügig ihre persönlichen Stammdaten wie Alter, Geschlecht und Standort. Dazu geben sie mit jeder Handlung, mit jedem Like, mehr über sich preis und teilen ihre Vorlieben nicht nur mit Friends und Followern – sondern zugleich auch mit den Plattformbetreibern.

Essenziell sind solche Daten auch für die Marktforschung: Wo sie betrieben wird, werden Daten gesammelt. Aus ihnen lässt sich die Kundenzufriedenheit ablesen. Ebenso die Wirkung von Werbemitteln und das Kundenverhalten. Auch die Trendforschung ist auf Daten angewiesen. Sie ermöglichen es, Antworten auf Fragen zu mittel- und langfristigen Entwicklungen zu geben.

«Wenn die Leute wollten, könnten sie schon lange wissen, was sich aus Daten, auch aus ihren Daten, alles ermitteln lässt», sagt Barbara Hellriegel. Wieso das so ist? «Wir pflegen ein zwiespältiges Verhältnis zu Daten. Viele unterschätzen, wie wertvoll ihre Daten für andere sein können.» Sie plädiert deshalb für den sorgfältigen Umgang damit und dafür, Daten bewusster zu teilen – oder eben auch nicht. Ihr Tipp: «Überprüfen Sie Ihre Einstellungen regelmässig, nehmen Sie sich Zeit dafür. Und passen Sie auch die Voreinstellungen an.»

«Gratis», und was das bedeutet

Um den Wert von Daten einzuschätzen, hilft es, die Geschäftsmodelle von Facebook, LinkedIn und Google zu betrachten. Ihre Dienstleistungen sind gratis, vermeintlich. Die Währung, mit der wir dafür bezahlen: unsere Informationen.

Was diese Unternehmen über uns wissen? Die Liste ist lang, sehr lang: Alter, Geschlecht, Sprache, Bildungsniveau und besuchte Ausbildungsstätten. Auch wenn wir umziehen oder den Job wechseln, die Plattformen kriegen es mit. Verlobung, Geburtstage oder eine Elternschaft? Wichtige Ereignisse im Leben, die man mit Freunden teilt. Aber eben auch mit Facebook und Co.

Mit den passenden Algorithmen gelingt es den Unternehmen, Werbung in der richtigen Situation an potenzielle Kund*innen auszuspielen. Und das im richtigen Moment. Vor der Geburt erscheinen Anzeigen für Umstandsmode und Kinderwagen, danach für Windeln und Kindermöbel. Die Werbetechnologie setzt auf allgegenwärtiges Tracking.

Im Onlinemarketing gilt es, die Streuverluste möglichst gering zu halten. Das gelingt, wenn Werbetreibende ihre Zielgruppe gut kennen, viele Daten über diese gesammelt haben.

Mal vorsichtig, mal nachlässig

Was Barbara Hellriegel beobachtet, scheint paradox: In Situationen, in denen viele Informationen zum Datenschutz verfügbar sind, zeigen sich die Leute zurückhaltend. «Ein aktuelles Beispiel aus der Pandemie ist die Contact-Tracing-App des Bundesamtes für Gesundheit. Es wird sehr transparent kommuniziert, auf welche Daten die App zugreift. Selbst Datenschützer und Expertinnen bezeichnen die Datenspeicherung sowie die Verschlüsselung als sehr sicher. Dennoch zögern viele, sich die App runterzuladen. Sie sind skeptisch oder fürchten sich vor Überwachung.»

Eine Befragung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt: Zwei von fünf Schweizer*innen haben Bedenken, dass die Behörden die Contact-Tracing-App zur stärkeren Überwachung der Bevölkerung nutzen könnten. Gleichzeitig sind Messenger-Dienste wie WhatsApp auch 2021 ganz oben in der Rangliste der beliebtesten Apps – obwohl immer wieder gravierende Sicherheitslücken bemängelt werden.

«Die Leute sind also auf der einen Seite sehr vorsichtig, gleichzeitig nutzen viele Social-Media-Plattformen ohne Bedenken.» Im Unterricht sensibilisiert Barbara Hellriegel ihre Studentinnen und Studenten direkt und indirekt für den Datenschutz, weil er so wichtig ist. «Wer etwas von Datenanalyse versteht, versteht auch, was sich mit Daten machen lässt. Und so überlegt man sich zweimal, wie man mit den eigenen Daten umgeht.»

Die rechtliche Perspektive

Wer im Internet unterwegs ist, kennt diesen Hinweis: «Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern.» Akzeptieren oder nicht? Diese Frage stellt sich Usern.

Doch auch wer Daten sammelt oder auswertet, kommt um das Thema Datenschutz nicht herum. In der Praxis stellt sich die Frage: Was ist rechtlich erlaubt? Handelt es sich um personenbezogene Daten, muss das Recht auf Privatsphäre und der Schutz von Personendaten gewahrt werden. Wichtige Themen, die im Studiengang Data Science behandelt werden.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn es um sensible Daten wie Gesundheitsdaten geht. In der Schweiz sind Ärzt*innen und Spitäler gesetzlich dazu verpflichtet, Krebserkrankungen zu melden. Die Daten zu den diagnostizierten Erkrankungen werden in sogenannten Registern gesammelt. Im Krebsregister sind demographische Daten von Personen erfasst sowie Details zur Diagnose, wie die Art der Krebserkrankung oder die Lokalisation von Metastasen.

Für die Medizinforschung sind solche Daten enorm wichtig. Mediziner*innen nutzen Gesundheitsdaten für Analysen und Auswertungen. «Gerade solche sensiblen Daten», betont Barbara Hellriegel, «benötigen besonderen Schutz. Sie dürfen nur anonymisiert weitergegeben und verwendet werden.» Nur so kann garantiert werden, dass die Daten keine Rückschlüsse auf die Patientin oder den Patienten zulassen.

Neue Chance, neue Herausforderungen

«Big Data bietet neue Chancen für soziale oder wissenschaftliche Erkenntnisse und eine veränderte Form der Wertschöpfung für Unternehmen. Big Data kann jedoch auch die Privatsphäre bedrohen, wenn etwa die bearbeiteten Daten nicht oder nur ungenügend anonymisiert wurden.» So formuliert es der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB).

Um die Chancen zu nutzen sind gut ausgebildete Fachpersonen gefragt: Ihre Aufgabe ist es, Daten, Technik, Verfahren und Datenschutz unter einen Hut zu bringen. «Auf diese Herausforderungen», betont Barbara Hellriegel, «bereiten wir unsere Studentinnen und Studenten am IBAW vor.»

Studiengang Data Science NDK HF

Suchen Sie eine neue Herausforderung? Der Studiengang Data Science NDK HF dauert ca. 9 Monate, eine fachspezifische Grundausbildung ist nicht nötig. Am IBAW studieren Sie berufsbegleitend, der Unterricht findet online und in Luzern statt.

Infoveranstaltung höhere Berufsbildung

Lernen Sie das IBAW kennen, das Angebot und erfahren Sie mehr über den Studiengang Data Science NDK HF.

Dieser Beitrag ist der zweite einer dreiteiligen Serie zum Thema Data Science. Lesen Sie hier die anderen Beiträge:

Teil 1: Die Macht der Daten

Teil 3: Data Scientist – Beruf der Zukunft?

Über die Expertin

Prof. Dr. Barbara Hellriegel

Statistik sollte zur Allgemeinbildung gehören, findet IBAW-Dozentin Barbara Hellriegel. Sie unterrichtet im Nachdiplomkurs Data Science und leitet die Fallstudie, die den Studiengang abschliesst. Als Titularprofessorin unterrichtete sie viele Jahre mathematische Modellierung und Statistik an der Universität Zürich. Für einen Wissenschaftsverlag arbeitete sie als Editorin für angewandte Mathematik und Informatik. Heute ist sie Mathematiklehrerin. Studiert hat sie Mathematik mit Nebenfach Biologie und dann in Zoologie, speziell mathematische Biologie, promoviert. Ihre Begeisterung für verschiedene Disziplinen pflegt sie noch heute.

Verwendete Links

Studie ZHAW

https://osf.io/awyrf/

EDÖB

https://www.edoeb.admin.ch/edoeb/de/home/datenschutz/Internet_und_Computer/onlinedienste/erlaeuterungen-zu-big-data/erlaeuterung-zu-big-data.html

Autorin
Portrait Luzia Popp
Luzia Popp
Marketing/Kommunikation